Chemotagebuch – Tag 174 – 12.11.2016

Meine Euphorie der letzten Tage wird gerade etwas überschattet von vermehrten Blutungen die mich nach dem Stuhlgang plagen. Keine Sorge, ich werde nicht tiefer ins Detail gehen.

Auf jeden Fall eine sehr unangenehme Sache das. Ich spüre, wie bereits so eine kleine „Ungereimtheit“ die Macht hat mich zurück zu werfen.

Lass es mich präziser ausdrücken. Denn ich selbst gebe „dieser Sache“ ja erst diese Macht indem ich überhaupt „eine Sache“ daraus mache.

Nun, diese Erkenntnis bringt jetzt erstmal so viel nicht, denn ändern kann ich es jetzt so ad hoc eben auch nicht. Es ist dennoch wichtig sich das bewusst zu machen.

Durch die Bewusstmachung aktiviere ich eine Ent-Wicklung und ich werde früher oder später die Früchte meiner Anstrengungen ernten können.

Bis dahin sollte ich mich nicht verrückt machen lassen. Leicht daher gesagt, ich behalte es mal im Hinterkopf.

Generell hat sich mein Zustand jedenfalls so gut stabilisiert und verbessert, dass wir darüber nachdenken ob ich nicht kommenden Mittwoch wieder nach Hause fahre.

Von der Kraft und Ausdauer habe ich gut zugelegt. Ob die Kräfte reichen meine Frau wieder etwas zu entlasten und ein aktiver Bestandteil und aktives Mitglied der Familie zu sein wird sich zeigen.

Hierzu werde ich am kommenden Dienstag ein „Experiment“ starten. Und zwar habe ich einen Termin bei einer Psycho-Onkologin in Greven. Diesen Weg werde ich mit Hilfe der „Öffis“ alleine antreten und mal schauen wie weit ich mit meinen Kräften komme. Je nach dem wie es ausgeht werde ich dann entscheiden ob ich schon bereit bin.

Die andere Seite der Medaille ist mein Nervenkostüm. Das ist soweit noch nicht gewaschen und gebügelt. Ich habe es jetzt zumindestens geschafft es aus dem Schrank zu holen und die groben Flecken mit etwas Fleckensalz vorzubehandeln.

Nun geht es daran, per Handwäsche im Schongang, nach und nach mich jedem einzelnen Fleck zuzuwenden und ihn ganz vorsichtig auszuwaschen.

Ich gebe zu, die Analogie hinkt etwas, andererseits gefällt sie mir ganz gut, weil unsere Psyche etwas ist, was nicht unmittelbar zu uns gehört. Die Psyche ist eben wie ein Kleidungsstück was wir uns anlegen. Zugegebener Maßen ein sehr enges Kleidungsstück, so eng ansitzend und maßgeschneidert, dass die allermeisten von uns es niemals nicht ablegen zu Lebzeiten (ja, so eng anliegend, dass es sogar Erdenbürger gibt, die noch nie bemerkt haben dass es sich nur um eine „2. Haut“ handelt)

Doch im Grunde handelt es sich bei der Psyche um nichts weiter als eine „Maske“, etwas aufgesetztes. Etwas das uns durch unser Umfeld, die Erziehung, generell die „Äußeren Einflüsse“ gegeben wird.

Dass das so ist, lässt sich sehr schön auch sprachlich erkennen wenn wir uns das Wort „Persönlichkeit“ mal genauer anschauen. Unsere Persönlichkeit (unsere Individualität wenn Du so möchtest) ist ja ein sehr großer Teil unserer Psyche, der Teil den wir nach Außen hin präsentieren (andere Aspekte der Psyche treten nie ans Tageslicht und bleiben immer „in uns“ verborgen).

Das Wort Persönlichkeit hat seinen Wortursprung sehr wahrscheinlich im lateinischen „persona“ was so viel wie „Maske“ bedeutet. Es ist eben diese Maske, die wir in der Öffentlichkeit aufsetzen. Genau genommen sind es sogar mehrere Masken die jeder Einzelne von uns nutzt. Und nicht nur das, im Regelfall wechseln wir die Maske in Sekundenbruchteilen.

Je nach dem was von uns erwartet wird (oder was wir meinen was von uns erwartet wird) setzen wir diese oder jene Maske auf.

Mal bin ich der freundliche Patrick, mal der patzige Patrick, sehr oft bin ich der diskrete Patrick. Bei Bedarf kann ich auch der schroffe Patrick sein. Ach, es gibt noch tausende mehr Masken die ich täglich benutze, je nach Anforderung.

Leider habe ich in den letzten Tagen, Wochen und Monaten sehr sehr oft die Arschloch-Maske auf.

Diese unschönen Seiten sind die oben benannten Flecken auf meinem Nervenkostüm.

Zuersteinmal hat es ziemlich lange gedauert diese Flecken überhaupt wahrzunehmen und sie zu akzeptieren. Sie als das anzuerkennen was sie sind.

Sehr lange Zeit habe ich einfach so getan, als würde es diese „dunklen Seiten“ an mir gar nicht geben. So wie es die meisten von uns tun, verleugne ich bestimmte Teilaspekte meiner Psyche.

Ich will jetzt hier gar nicht so tief in das Thema einsteigen denn meine Frau hat mir da einen sehr wertvollen Impuls gegeben dem ich auch weiterhin folge.

Das Risiko besteht nämlich, wenn man sich zu sehr intellektuell mit seinen „dunklen Flecken“ (Seelenschatten) beschäftigt, man sich in sinnlosen Erklärungsversuchen verstrickt und unter’m Strich jedoch stehen bleibt in der eigenen Entwicklung.

Es geht also erstmal darum die Flecken auf seinem Nervenkostüm zu entdecken und sich von der Illusion zu lösen dass es sich um ein besonders ausgefallenes Muster handelt. 🙂

So ist es nicht, es handelt sich um Flecken!!!

Das ist allerdings überhaupt nicht wild, denn nun kann man sich daran machen, diese Flecken zu behandeln. Sich um sie zu kümmern. Ihnen Raum und Zeit zu geben. Sich diesen Flecken voll bewusst zuzuwenden und sie zu integrieren.

Dabei ist es völlig unerheblich wo die Flecken herkommen. Es ist völlig unerheblich wer „Schuld“ hat.

Es geht nicht um die Schuldfrage. In dieser Frage war ich lange Zeit verheddert. Meine Frau hat mich wie gesagt hier sehr gut unterstützt und mich aus der Verhedderung rausgetreten 😀

Und während ich also an meinen „Flecken“ herumschrubbe und versuche meine Weste rein zu waschen, fällt mir nach und nach auf, dass es doch nicht so ist wie es zu sein scheint.

Klar, ich habe viele Aspekte bisher schon identifizieren können, die nicht „zu mir“ gehören.

Aspekte die ich mir unbewusst angeeignet habe und sie seit Jahrzehnten mit mir herumschleppe ohne sie je in Frage gestellt zu haben.

Von einigen dieser „künstlichen“ Glaubenssätzen konnte ich mich schon erfolgreich lösen, bei anderen wieder bin ich gerade noch dabei. Und dann gibt es da aber noch eine Sparte, das ist die schwierigste und an der knabbere ich gerade…

Das sind nämlich die vermeintlich hartnäckigsten Flecken. Flecken an denen ich schon seit einiger Zeit herumdoktore. „Flecken“ bei denen sich möglicherweise gerade in diesen Tagen heraus stellt, dass es sich evtl. doch um ein sehr elegantes Muster handelt.

Vielleicht ist das auch der Grund, weswegen ich seit Jahr und Tag vergeblich versuche diese Flecken auszuwaschen.

Der Hass, der Zorn, die Unangepasstheit,… Vergeblich versucht auszuwaschen.

„Ne, will ich nicht haben! Gefällt mir nicht“

Nunja, sich selbst zu verleugnen kann nicht zur Heilwerdung führen. Keine Wunder dass ich mich ohnmächtig fühle. Kein Wunder dass ich wie Don Quijote mich fühle, im Kampf gegen die Windmühlen.

Der Weg führt hier nicht über den Kampf, sondern über die Akzeptanz. Über die Integration. Ja im Endstadium führt der Weg zur Heilwerdung über die bedingungslose Annahme und somit Transformation all seiner Facetten, die vermeintlichen Flecken mit eingeschlossen…

Jetzt bin ich ganz schön abgetriftet und vermutlich ist das auch etwas wirr zusammen geschrieben.

Das macht aber nichts.

Heute scheint es ein sonniger Tag zu werden, vielleicht eine der letzten Möglichkeiten noch ein paar Pigmente zu erhaschen.

Ich lasse mich überraschen was der Tag noch so bringt. Derweil lasse ich die Flecken mal Flecken sein.

Chemotagebuch – Tag 86 – 16.08.2016

Heute soll es mal wieder einen Eintrag geben. Auch wenn mir in diesem Moment jegliche Inspiration fehlt.

Ich bin ja kein guter Geschichtenerzähler. Ich schreibe einen Beitrag wenn… ja, wann eigentlich.

Ich folge dabei einem inneren Impuls. Irgendein Thema zu dem ich glaube etwas zu sagen zu haben.

Wenn ich das gerade so aufschreibe… Dann habe ich den Sinn und Zweck dieses Projektes ja verfehlt, es geht ja darum das aufzuschreiben was mich beschäftigt. Die Chemo sozusagen zu protokollieren, aus meiner Perspektive. Darum geht es mir doch…

Dann gebe ich nun also zu Protokoll: die Chemo hat mich soweit in die Knie gezwungen, mir fehlte jegliche Kraft und Motivation irgendwelche Gedanken aufzuschreiben.

Oft deswegen weil ich in den letzten Wochen (ja es sind mittlerweile schon Wochen) nervlich ziemlich angespannt bin. Teilweise sogar richtig aggressiv. Da ist ne ganze Menge Wut, Zorn und Hass in mir. Sicherlich auch Trauer und Angst. All diese Energien stoßen jetzt an die Oberfläche und ich habe das Gefühl das alle auf einmal kommen. Das ist sehr herausfordernd, vor allem für die Menschen die im Moment mit mir zu tun haben. Ich kann sehr schnell sehr aufbrausend werden. Das flaut zwar meistens genauso schnell wieder ab wie es hochgeschäumt ist, dennoch erzeugt es sehr herausfordernde Situationen im alltäglichen Zusammenleben.

Das ist ein heißes Eisen. Denn natürlich steckt in diesen „brenzlichen Situationen“ unheimliches Entwicklungspotential doch andererseits sind sind sie auch genauso strapazierend für die Nerven aller Beteiligten. Nun ist die Situation allerdings so, dass ich mir das ja nicht aussuche. Ich hab ja nicht plötzlich den „Arschlochschalter“ umgelegt und mir vorgenommen meine Welt zu terrorisieren. Ich will ja niemandem was böses…

In diesem Zusammenhang bin ich sehr dankbar für die Frau die das Schicksal mir an die Seite gestellt hat. Sie ist nicht nur meine Ehefrau sondern auch mein bester Freund und offenster Kritiker. Sie ist in letzter Zeit oft der nasse Waschlappen den ich in die Fresse brauche. Leider auch all zu oft der Prellbock.

Doch wir stellen uns diesen Herausforderungen gemeinsam. Niemand schiebt dem anderen den schwarzen Peter zu. Wir hinterfragen uns selbstkritisch, besprechen alles.

Dafür liebe ich sie. Auch wenn es manchmal natürlich anstrengend ist.

Niemand hört gern was dem anderen an einem missfällt, schon gar nicht wenn es eine Person ist die uns sehr nahe steht. Niemand hört gerne Kritik, wie berechtigt sie auch sein mag.

Doch diese Art und Weise ist es letztlich die mich gesund macht.

Ich stelle mich meinen Schwächen, was es auch sei. Was auch immer noch ans Tageslicht kommt. Ich begrüße den Zorn, den Hass, die Wut. Ich lade euch ein, ich empfange euch mit offenen Armen. All zu lange habe ich euch „ausgesperrt“. Es ziemt sich nicht seinen Zorn zu zeigen. Wutausbrüche wollen wir nicht haben. Sei artig und still. Mach bloß keinen Ärger.

Immer schön alle Regeln befolgen…

Diese sogenannten „Schwächen“, in der Psychologie wird glaube ich der Begriff „Schatten“ verwendet, der sehr anschaulich ist, haben solange Macht über mich und meine Reaktionen wie ich es nicht schaffe sie zu integrieren.

Sie haben ihren Platz in dem Gebilde das ich „Charakter“ nenne. Sie sind Teil meiner „Person“.

„Persona“ => lat. Maske

Wir alle tragen diese Masken. Und wir alle verstecken die hässlichen und tragen mit Vorliebe die schönen und gesellschaftlich hoch anerkannten Masken zur Schau.

Ich will „echt“ sein. Ich will mir meiner Masken bewusst sein und wissen dass ich nicht diese oder jene Maske BIN sondern dass sie ein Teil von mir ist.

Ich will authentisch sein. Ich will souverän sein, trotz all meiner vermeintlichen „Schwächen“.

Ich will „ich“ sein. Wenn ich scheiße drauf bin will ich mosern und motzen dürfen.

Wenn es mir gut geht will singen, tanzen und klatschen dürfen. Ich will heraus finden was mir entspricht. Ich will mich selbst entdecken.

All das passiert auch gerade. Ich entwickle mich gerade sehr stark weiter, so ist jedenfalls mein subjektiver Eindruck. Es mag äußerlich nicht den Anschein haben, das kann ich ohnehin nicht beurteilen, da ich mich ja nicht äußerlich wahrnehme.

„Von innen“ betrachtet kann ich jedoch stolz verkünden, ich mache Fortschritte…

Im Umgang mit meinen Aggressionen. Mit dem Zorn. Die Traurigkeit. Die Angst.